Kolumne

Der Single als Spießer

Dienstag, 9. September 2014
 
 
Die Geschichte des Homo Sapiens begann vor ca. 120.000 Jahren. Seit dieser Zeit hat der „gemeine“ Mensch so einiges an Veränderungen erlebt.
Er wurde vom Jäger und Sammler zum sesshaften Siedler. Dabei behauptete er sich sowohl in trockenen Gegenden der Savanne als auch in eiskalten Regionen während der Eiszeit. Seine Anpassungsfähigkeit ist beispiellos im Reich der Lebewesen. Ein Resultat ist die Zahl von über 9 Milliarden seiner Gattung auf dem blauen Planet.
 
Ein wesentlicher Aspekt dieses Erfolgsmodells beruhte auf seiner Fähigkeit sich in Gruppen zu organisieren. Warum Primaten zu sozialen Wesen wurden beschäftigt die Evolutionsbiologie schon seit langem. Eine Theorie basiert auf der epochalen Veränderung der visuellen Wahrnehmung. Als die Augen von der Seite des Schädels m Laufe von Jahrtausenden  nach vorne wanderten entwickelte sich die Fähigkeit zum räumlichen Sehen. Allerdings brachte dieser Vorteil den damals im Bäumen lebenden Primaten auch einen erheblichen Nachteil. Feinde aus der Luft, die seitlich oder hinter ihm angriffen konnten nicht mehr wahrgenommen werden. Die einzige Möglichkeit dieser Schwäche zu begegnen war in Gruppen zusammen zu leben. So konnte man sich „den Rücken“ freihalten und das Überleben der Spezies sichern.
 
Das Leben in Gruppen, ob jetzt als Sippe, als Brut oder Großfamilie bildete über Jahrtausende die soziale Grundlage für den Menschen. Daran hat weder die Reformation, noch die Aufklärung, Industrialisierung etwas geändert. Oder doch? 
 
Strukturwandel als Chance
 
Als sich in den 60igern Jahren des letzten Jahrhunderts die letzte wirkliche gesellschaftliche Revolution anschickte den Zeitgeist zu verändern fiel auch die letzte Bastion des sozialen Miteinanders, die Familie, dem Freiheitswille des modernen Menschen zum Opfer. Die Antibaby-Pille entkoppelte Sex von Zeugung, Bindung von Ehe und überhaupt war alles was früher war spiessig, angepasst und nicht zeitgemäss. 
Die Kommune 1 propagierte freie Liebe und Leben in der Gemeinschaft, Heerscharen von Hippies kifften sich die Rübe zu und fühlten Spirit und Gemeinschaft bei sit-ins in verrauchten Altbauwohnungen oder im Grünen. Kinder bewarfen sich mit Scheisse und entwickelten sich frei von Zwängen wie Erziehung und die Frau läutete die entscheidende Etappe der Emanzipation ein. Meine Möse gehört mir traf auf lila Latzhose und die eingeläutete Unabhängigkeit vom Manne in allen Belangen entthronte die männliche Spezies und bescherte den Dreibeinern Angst und Verwunderung. Was daraus in Sachen Mode und Frisuren in den 70iger Jahren entstand kann aus der heutigen Replik nur als dramatisch folgerichtig interpretiert werden. Wer dachte, schlimmer gehts nimmer wurde in den 80igern eines Besseren belehrt. Doch der revolutionäre Geist der späten 60iger Jahre verflog im Laufe der Zeit und die Revoluzzer von damals entdeckten die Vorzüge von dem was sie als Spiessbürgertum auf dem gesellschaftspolitischen Scheiterhaufen verbrannt hatten.
 
Hatte man in den 90er Jahren noch den Eindruck, dass sich die Gesellschaft so langsam wieder einpendelt entstand fast unbemerkt eine neuer Trend im sozialen Miteinanders, der heute das Leben vieler so selbstverständlich zu beherrschen scheint wie das Morgengebet den Muslime. Der Single breitet sich aus. 
 
Single - glücklich, frei und einsam
 
Der Wille des Menschen zur Freiheit und Unabhängigkeit hat Tradition. Der Sündenfall, die Reformation, die französische Revolution, die Aufklärung oder die Bewegung der 68iger - alle hatten im Kern das gleiche Anliegen. Das Benennen von Strukturen, das Anmahnen von Unterdrückung, die Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit. Kaum ein Wort wird so oft verwendet, wenn es um politische Umbrüche oder gesellschaftliche Anliegen geht, wie das Wort Freiheit. Doch ist Freiheit wirklich der Schüssel zum seelischen und materiellen Glück? Ist Freiheit das Ziel, dass es für den modernen Menschen zu erreichen gilt? Glaubt man dem großen Sozialpsychologen Erich Fromm irrt der moderne Mensch seit der Säkularisierung völlig haltlos und verloren in der modernen Welt umher. Dieser Freiheitsdrang des Menschen hat nicht nur etablierte Machtsysteme ins Wanken gebracht, Weltreligionen entmachtet und Geschichte geschrieben. Es hat vor allem eine völlig neue Lebensform etabliert, die sich unaufhaltsam verbreitet wie eine Art freiheitsgetriebener Virus - der Single. 
 
Die Anzahl der Singlehaushalte - also Menschen, die alleine leben beträgt in den Großstädten Hannover und Berlin bereits über 30%. Viele Denker, Schriftsteller und Soziologen untersuchen diesen Trend und denken über die Ursachen dieser Bindungsunwilligkeit- oder Fähigkeit des modernen Homo-Urbanicus nach. Liegt hier in der Regel der Fokus auf dem Aspekt „Mann und Frau“ erscheint für mich der soziale Aspekt von wesentlich grösserer Bedeutung. 
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum sich Mann und Frau nicht finden, nicht binden wollen oder klassische Formen der Beziehung als überholt betrachten. Interessant ist aber hierbei der Fakt, dass Menschen, die alleine leben vor allem eines verlieren - ihre soziale Kompetenz. Jegliches soziales Miteinander findet ausschliesslich in einem bewusst gesteuerten Rahmen statt. Freunde treffen, sich auseinander - und zusammensetzen findet nur noch dann statt, wenn eine bewusste Entscheidung von beiden Parteien getroffen wird. Diese Freiheit empfindet der Homo Urbanicus als wertvoll, angenehm und dient seiner Abgrenzung. Die Tür zu eigenen Wohnung ist ein Synonym zur Zugbrücke der mittelalgerischen Festung geworden. Hier verschanzt sich der Single zwischen Ikea-Möbeln, Glotze und wohlarrangierten Substituten zum menschlichen Miteinander und fühl sich wohl. Wirklich? Nicht zufällig ist die Mitgliederzahl von Facebook in Berlin grösser als in jeder anderen Stadt Deutschlands. Die Ego-zentrierte Form des Alleinelebens scheint also doch das eine oder andere Defizit zu hinterlassen im sozialen Bereich des Menschseins. Doch die Angst vor Nähe, die Lust auf Abgrenzung ist grösser als der Schmerz der Einsamkeit. Eine ebenso interessante wie fatale Entwicklung. Denn diese Entwicklung bezieht sich nicht ausschliesslich auf das andere Geschlecht, sondern auf Menschen generell. 
 
Teilen ist menschlich - nicht haben
 
Ob der Homo Urbanicus seine sozialen Defizite mit Konsum stillt, mit regelmässigen Sport oder mit erhöhter Umtriebigkeit in den sozialen Netzwerken - eins ist allen gemein. Jeder Mensch hat jenseits von Bildungsstand und sozialem Hintergrund im Laufe seines Lebens eines gelernt - die glücklichsten Momente im Leben sind untrennbar mit Teilen verbunden. Wenn wir Erfolge oder Rückschläge teilen erleben wir uns als Mensch - das wir dazu heute immer öfter das Smartphone benutzen ist dramatisch, ändert aber nichts am grundsätzlichen Bedürfnis. Wenn dies als gesicherte Tatsache oder als soziale Kompetenz vorausgesetzt werden kann stellt sich die Frage, warum der Homo Urbanicus glaubt, in sozialer Abgrenzung und Alleine leben liegt die Basis zum persönlichen Glück. Das Leben in Gemeinschaften ist so alt wie der Mensch selber. 
 
Single ja - Lebensgemeinschaft nein
 
Da Singles in der Regel nicht so geboren werden verfügt auch diese Gattung über Erfahrungswerte aus einer Zeit, wo soziales Leben innerhalb der Wohnung statt fand. Ob in der WG während des Studiums oder in der letzten Beziehung, das schöne Gefühl von gemeinsam essen, gemeinsam einkaufen, dem Plausch am Abend nach dem Job, gemeinsames abhängen vor der Glotze - all diese sozialen Aktivitäten sind dem Homo Urbanicus vertraut - und in aller Regel in sehr guter Erinnerung. Es drängt sich daher die Frage auf, warum nicht viel mehr Menschen diesen Weg einer Gemeinschaft suchen ausserhalb von klassischen Beziehungsmodellen. Die ökonomischen Vorteile solcher Gemeinschaften sind ein weiterer Pluspunkt. Das Teilen von Konsumgütern wie Autos, High-Tech-Gadgets oder Haushaltsgeräten schont nicht nur den Geldbeutel, sondern erhöht auch die Handlungsspielräume exorbitant. Und das Leben zu zweit in einer 160qm Wohnung bietet auch Vorteile gegenüber dem Singleknast mit 68qm. Alleinerziehende könnten durch das Leben in einer Gemeinschaft nicht nur ihren Kindern ein Spielkamerad in den Alltag zaubern, sondern auch ihre persönliche Freiheit erheblich vergrössern. Aber die Angst vor der Auseinandersetzung mit einem Menschen im Alltag ist so gross geworden, dass der Homo Urbanicus es vorzieht, so zu leben, wie es noch kein Mensch in 120.000 Jahren Evolution für richtig hielt. Die zahlreichen Vorteile vom Leben ein einer Gemeinschaft werden auf dem Altar der Individualität und Unabhängigkeit geopfert. 
 
Der Homo Urbanicus ist nicht nur soziophob, sozial inkompetent und einsam - er ist vor allem eins - ein Spiesser.